Aus diesem Vergehen der Schönheit ensteht die Frucht – Teil 2

By | Mai 22, 2017

Unsichtbar für das bloße menschliche Auge vollzieht sich bei der Keimung am natürlichen Standort die Vereinigung des Samens mit den Geburtshelfer spielenden Wurzelpilzen. Ihre Hyphen – Einzelfäden des Pilzmyzels – wachsen durch besondere Einlaßzellen in den Samen ein und versorgen durch die bestehende Verbindung der Hyphenkette nach außen den Embryo mit Feuchtigkeit und Nahrung. Sie sind für ihn die Amme. Erst jetzt beginnt die Keimung und damit das Leben der zukünftigen Pflanze. In ihren Wurzeln finden später die keimungsauslösenden Pilze eine Heimstatt, die Sicherung ihrer Existenz gegenüber den Unbilden der Umwelt. Die Nachahmung dieser Vorgänge, die Symbiose zwischen Orchidee und Wurzelpilz, ist äußerst kompliziert. Man wendet sie bei der Aufzucht kaum noch an. Die Anwesenheit des Pilzes ist nicht mehr erforderlich; seine Funktionen werden in einer Synthese, welche die Wissenschaft schuf, chemisch gesteuert. Auf keimfreien Nährböden werden die Samen steril ausgelegt; isoliert von einer verderbenbringenden Umwelt beginnt das grüne Leben. Diese Art Lebenswerdung beginnt mit einer Intimität, die beispiellos ist. Bei der üblichen Form der Aussaat übergeben wir den Samen der schützenden Erde, er wird damit meist unsichtbar – bis der Keim die Erde durchstößt und damit augenfällig wird. Bei Orchideen ist es ganz anders; durch das dünne Glas der Reagenzgläser oder Erlenmeyerkolben sind wir den Vorgängen so nahe, wie es unmittelbarer nicht sein kann.

In den innerhalb der Gattungen verschieden langen Zeiträumen von Tagen oder Wochen beginnt die Keimung; der Embryo schwillt an, dann reißt die Samenhülle auf, der Keimling erreicht das Kreiselstadium, es erscheint das Keimblatt und die Rhizoiden werden gebildet. Es sind unendlich zarte, haarähnliche Gebilde, welche die selbständige Wasser- und Nahrungsaufnahme einleiten. Sie werden in ihrer Funktion abgelöst durch beginnende Wurzelbildung, Blätter bilden sich, und in einem Zeitraum von etwa einem Jahr ist aus der Winzigkeit des staubfeinen Samens eine Pflanze von 2 oder 3 cm Größe geworden.

Nach 12, 15 oder 18 Monaten umsorgter und umhüteter Entwicklung in den gläsernen Wiegen beginnt die Überleitung in die freie Atmosphäre des Glashauses. Die intime Verbindung zu den überaus zarten Pflanzen bleibt weiterhin bestehen. Sie sind zunächst sehr anfällig gegen die Gefahren der Umwelt. Feinde in Form pilz-licher oder tierischer Schädiger bedrohen ihre Existenz ebenso wie zu hohe oder zu geringe Feuchtigkeit, zuviel oder zuwenig Wärme. Eine individuelle Pflege muß sie beschützen, muß fördernd allgegenwärtig sein. Nur voller persönlicher Einsatz führt zum Erfolg. Er ist erforderlich von Beginn der Aussaat und den dazu nötigen Vorbereitungen an bis zu dem Zeitpunkt, wo die jungen Pflanzen so weit gefestigt erscheinen, daß sie normal weiterwachsen. Wie lange diese Zeit währt, ist je nach Gattung, Art oder Züchtung verschieden, unterliegt den Einflüssen der Umwelt wie denen des Betreuers.

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