Aus diesem Vergehen der Schönheit ensteht die Frucht – Teil 3

By | Mai 22, 2017

Einer anderen Seite dieses Entwicklungsvorganges muß ich noch gedenken. In der Natur kommt von den großen Mengen des produzierten Samens nur ein relativ sehr kleiner Teil zur Keimung, der andere findet keine zusagenden Keimbedingungen, vergeht in dem mörderischen Kampf ums Dasein der tropischen Vegetation oder verweht infolge seiner Leichtigkeit in die Atmosphäre.

Alle diese Einflüsse entfallen bei der Aufzucht durch Menschenhand und Menschenwille. Die asymbiotische Entwicklung erfordert völlige Sterilität; diese ist bei exakter Arbeitsweise unschwer zu erreichen. Gewiß sind gelegentliche Ausfälle durch Infektion bei der Übertragung des Samens oder von Pflanzen auf Nährboden möglich, aber sie fallen nicht ins Gewicht. In der Keimung von Orchideensamen innerhalb der vor den Gefahren der Umwelt schützenden Glasgefäße liegt eine ungeheuere Dynamik. Kürzlich erhielt ich Cattleyasamen aus Brasilien, ein Kreuzungsprodukt zweier schwachwachsender Arten, infolgedessen feinster Samen. Ich mißtraute ihm und beschickte die Reagenzgläser der Probeaussaat sehr dicht mit Samen. Das Ergebnis war überwältigend, denn er war 100 prozentig keimfähig. Die kleinen grünen Kügelchen quollen immer mehr, überhäuften sich in vielen Schichten und waren von einer ungeheueren Vitalität. Im Verlauf solcher Entwicklung steigert sich aus kleinsten Anfängen der Platzbedarf langsam, aber stetig und in unerbittlicher Konsequenz. Darauf muß man von Beginn an Rücksicht nehmen, es ist jedoch nicht immer leicht. Kommt man in den Besitz wertvollen Samens, so ist die Verlockung groß, ihn restlos auszusäen. Andrerseits ist es ein schwer definierbares, jedenfalls aber reizvolles Gefühl, Leben auf diese Weise erzeugen zu können, nahe den ewigen Quellen der Natur zu sein. Aber esliegt auch Gefahr darin. Wenn man – wie es in dem angeführten Beispiel der Fall war – in einem Reagenzglas auf wenigen Quadratzentimetern Fläche schätzungsweise 5000 oder mehr zukünftige Pflanzen in der Hand hat, so ist dies innerhalb des Pflanzenreiches gewiß beispiellos. Man muß sich nur vergegenwärtigen, wie aus kleinster Quelle ein sich stetig verbreiternder grüner Strom wird, muß sich überlegen, welchen Platzbedarf diese Pflanzen in erwachsenem Zustand haben würden. Darin liegt die Dynamik dieses Geschehens; es ist an und für sich ein Vorgang, wie er sich in der Natur ständig wiederholt, hier jedoch in besonderer Art abgewandelt, verfeinert, komplizierter gestaltet.

Die Entwicklung der Pflanzen von der Keimung bis zur ersten Blüte erfordert viele Jahre. Erst jetzt, wo in den Zentren der Gestaltungskraft tropischer Natur in hohem Maße Orchideen gezüchtet werden, ersieht man die Unterschiede der erforderlichen Zeiträume für diese Entwicklung. Aus Singapor wurde kürzlich berichtet, daß Den-drobium phalaenopsis im Alter von 1 ½ Jahren blühfähig werden. Selbst unter optimalen Bedingungen ist hierfür in Europa die doppelte Zeit – also mindestens 3 Jahre – erforderlich.

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