Beginnen wir mit den Wurzeln – Teil 1

By | Mai 22, 2017

Beginnen wir mit den Wurzeln. Sie sind bei Pflanzen üblicher Art in der Erde verborgen. Nur gelegentlich können wir sie betrachten, sonst wissen wir sie umgeben von Erde in Gefäßen oder im Freien allenthalben, wo Pflanzenwuchs möglich ist, unter unseren Füßen. Ihren Funktionen mutet damit etwas Geheimnisvolles an. Wenn wir im Walde einen Windbruch sehen, wo gestürzte Kiefern oder Fichten den flachen Wurzelkranz in die Luft ragen lassen, so berührt uns dies fast schmerzlich. Die Wurzeln epiphytisch wachsender Orchideen entbehren des Schutzes durch das Erdreich. Nackt und bloß bieten sie sich dem Blick dar und sind darauf eingerichtet, auch mit geringen Gaben an Nahrung und Feuchtigkeit auszukommen. Daher entwickeln die Pflanzen am heimatlichen Standort sehr viele Wurzeln, die auf der Rinde des besiedelten Baumes zu einem dichten Geflecht werden, in dessen Nischen sich Laub ansammelt sowie Moose und Farne ansiedeln. Damit wird Feuchtigkeit bis zu einem gewissen Grad gehalten und steht höher entwickelten Epiphyten zur Verfügung.

Allein schon das Studium der Wurzeln und ihres Verhaltens kann eine reizvolle Angelegenheit sein, weil es in dieser Form bei anderen Pflanzen, welche ihre Wurzeln in die Erde versenken, nicht möglich ist. Voller Freude sehen wir zu Beginn der neuen Vegetationsperiode dem Erscheinen der ersten neuen Wurzeln entgegen. Diese Freude verwandelt sich leicht in Trauer, wenn über Nacht die zarten Spitzen von Kellerasseln oder Schnecken abgefressen wurden. Die Schädlinge zerstörten damit den Vegetationspunkt der Wurzel, aus dem heraus sie sich nur weiterentwickeln kann. Ihr Längenwachstum ist damit beendet. Geschieht dies mit allen Wurzeln, so stockt das Wachstum, und die Existenz der Pflanze ist gefährdet. Ältere, stabile Wurzeln vermögen sich zu regenerieren. Unterhalb einer Fraß- oder Bruchstelle bilden sich Nebenwurzeln. Sie erscheinen zunächst als zarte grüne Punkte, die sich bald vergrößern, Gestalt annehmen und funktionsfähig werden. Allein schon das Sichtbarwerden einer ungeheuren Lebenskraft, des Willens, sich zu behaupten, kann Anlaß sein, sich mit diesen Pflanzen zu befassen, zu befreunden. Vielfach begegnen wir dieser Energie der Wurzeln. Dort ist ein schon alter, blätterloser Trieb einer Dendrobium phalaenopsis-Pflanze geknickt. Ausgeschlossen, daß in ihm noch Leben steckt. Aber eines Tages erscheint oberhalb der Bruchstelle an einem bestimmten Punkte ein ganzer Kranz von Wurzelspitzen. Sie verlängern sich, und aus ihrer Mitte erwächst der neue Sproß, durch die Vielzahl der Wurzeln wohlgerüstet für die Sicherung der Existenz, für künftiges Blühen und Fruchten. Viele ähnliche Beispiele ließen sich anführen.

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